Zwischen Weingummi, Schokoriegeln und Marmorkuchen: SuKuLTuR
Die Lesereihe im ORi , morgen 9.Feb. 2018 21 Uhr Christian Wöllecke, Der Durcbruch
Schon der Name Sukultur war und ist eine kleine Referenz auf die Suhrkamp- und eine große auf die literarische Subkultur. Über die Verlagsgeschichte hat der Autor und Gründungsherausgeber Marc Degens mit „The SuKuLTuR Years“ eine ziemlich witzig-unterhaltsame Erzählung geschrieben und das Genre der Firmen-Jubiläums-Biografie ganz nebenbei um eine Schelmenversion bereichert. Seinen Anfang nahm alles im randlagig kleinstädtischen Dorsten. Hier gab Degens (zusammen mit Torsten Franz) seine erste Literaturzeitschrift heraus und taufte sie „Sex & Kotze“. Aus dem Fanzine entsprang bei Degens und Franz die geniale Idee der Lesehefte, die dann in den späten 90ern unter dem Dach des neugegründeten Sukultur-Verlags verwirklicht wurde. Jahrelang blieb der Verlag auf eine kleine, szenenhafte Literaturgemeinde beschränkt, bis man gewissermaßen durch einen schicksalhaften Zufall inspiriert – einer der Verleger lebte über einer sogenannten Vending-Company – eins und eins zusammenzählte und erkannte, dass die kleinformatigen, gelben Literaturhäppchen „Weingummi, Schokoriegel, Marmorkuchen und anderes Naschwerk“ in den Vending Automaten, an Bahnhöfen und sonst wo, gut ergänzen würden. Der Start des Automatenverkaufs wurde zum Medienereignis. „Landauf, landab erschienen Artikel über die Literatur aus den Automaten, in der Boulevardpresse ebenso wie im Feuilleton...In knapp drei Monaten wurden mehr Hefte verkauft als in den acht Jahren zuvor – über dreihundert Stück!“, schreibt Degens. Den expansionistischen Gesetzen der Marktwirtschaft gehorchend, putzten die Sukulturalisten in der Folge die Klinken der Vending-Automaten-Industrie und wurden zu eifrigen Besuchern der zweijährlichen Fachmessen, um sich – wie Ferrero oder Bahlsen – im Automatengeschäft ein Marktmonopol zu sichern. Schnell erlernten sie die Tricks, Kniffe und Idiome des hier noch üblichen Wirtschaftsdeutsch (EK=Einkaufspreis) und erhielten tiefen Einblick in die Psychologie mittelständischer „Unternehmerpersönlichkeiten“. Ganz nebenbei betrieben sie durch den Automatenverkauf auch literatursoziologische Empirie. Sukultur entdeckte – quasi im Feldversuch –, dass der Berliner Wedding, ein oft als bildungsfern verschriener Berliner Stadtbezirk, sich als paradiesischer Standort für junge, alternative und anspruchsvolle Automaten-Literatur erwies und die typischen Bildungsbürgerreservate in den Schatten stellte. Inzwischen sind die Hefte auf Bahnhöfen nur noch selten zu finden, Literaturläden und Buchhandlungen haben sich begonnen zu interessieren. Einmal monatlich wird das neueste Heft im Neuköllner ORi vorgestellt, dort steht auch die Box, mit der inzwischen enorm angewachsenen Zahl von Heften auf einem Ständer. Die Auswahl ist groß, .der Suhrkamp-Autor Dietmar Dath ist genauso vertreten wie die Lyrikerin Ann Cotten, der Poptheoretiker Thomas Meinecke und der Feuilletonist und Romancier David Wagner, um nur einige zu nennen. Im direkten Vergleich erweist sich die Sukultur-Box der Suhrkamp-Welt also durchaus gewachsen, wenn nicht sogar überlegen, denn: die in Rucksackformat häppchenhaft-verpackte Literatur ist kongenial auf die Bedürfnisse einer schnelllebigen mobil-flexiblen Reservearmee junger Kulturschaffender zugeschnitten und mit 111 Euro und einer erwartbaren Wertsteigerung ist die Box auch in prekärsten Lebensumständen eine überlegenswerte Investition. Christian Wöllecke, Der Durchbruch (release): Hubert Koschottka hat sich im Rentenalter mit vielem abgefunden und weitgehend arrangiert. Fernsehen, Chips, Nüsse; ein paar Bier, ansonsten Erinnerungen, Wehmut, Weltschmerz – so ziehen die Tage immer gleich dahin. Eigentlich könnte es auch immer so weitergehen, aber der neue Nachbar in der anderen Doppelhaushälfte und dessen lärmender Sohn stören den Frieden im sorgfältig errichteten Schneckenhaus. So verliert Koschottka schließlich auch noch seine letzte Freude und Bastion: den Hobbykeller. Als ein Mann im Fernsehen ihm einen Rat gibt, beschließt er, sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen – bis er plötzlich vor einer scheinbar undurchdringlichen Mauer steht. Christian Wöllecke phantasievolle und witzige Erzählung beruht auf einer wahren Begebenheit. Christian Wöllecke, geboren 1984 in Radebeul. Betriebswirt, Komparatist, Bookchannel-Betreiber (des.), Freier Lektor, Chefkolumnist der Literaturzeitschrift metamorphosen, Mitarbeiter der edition AZUR, 2013 erschien der Erzählband „Einer muss Uke sein“ (edition Ranis). Zu der bunten Palette seines Schaffens gehören auch Marktleiterminiaturen und Notizen aus dem Alltag eines Stadtschreibers. Uns erwartet ein vielseitiger Abend!