William Cody Mahers Reading "Geisterstadt"

ICAL

Danckelmannstr. 30 14059 Berlin - zum Stadtplan

Freitag 04.12.2015 - Anfangszeit: 20:00 Uhr

Kategorie: Lesungen & Hörspiele

William Cody Mahers Reading "Geisterstadt"

Eintritt frei, spenden erbeten.Ausgeburten blendender Verzweiflung und Verkörperungen abgewrackten Lebens bevölkern die pechschwarzen MiniDramen und dichten Erzählextrakte,die das erste ins Deutsche übersetzte Buch des 1950 in San Francisco geborenen und heute in Deutschland lebenden Amerikaners William Cody Maher versammelt. Glänzend übertragen wurde es vom BukowskiÜbersetzer Carl Weissner, der auch ein originelles Nachwort beisteuert. Es konstatiert treffend den «verführerischen Schimmer von Endgültigkeit», der auf diesen Texten liegt, «als wären es lauter letzte Worte von Opfern, Tätern, Passanten, von denen manche nicht mehr ausreden durften». Das Leben als Boxring, wo die Sieger von gestern die Verlierer von heute sind – das ist der Fokus dieses durchtriebenen Schwarzsehers und Autors kunstvoll geraffter Dramolette, finsterschöner Prosapoeme. In «Das Girl ganz vorn am Ring» weidet sich die ExFreundin eines Boxers, von dem auch sie Schläge hatte einstecken müssen, an dessen schmählichem Knockout («Am Ende jeder Runde höre ich Hochzeitsglocken?»). Rache ist aber nur bedingt süss, und Mahers Monologe sind keine simplen Bildchen: Alles kippt plötzlich und äusserst ungemütlich in die Schräge.In dem MiniDramolett «Ich bin's, Babe» entern zwei Polizeidetektive abwechselnd mit simuliertem Liebesgeflüster das Bewusstsein einer aufgegriffenen Frau, halten jedoch gleichzeitig den eisernen Rahmen von Verhör und psychologischer Druckausübung aufrecht. Dieser Mix aus pseudointimem Liebesgesäusel und perfidem Psychoterror ist ein Glanzstück in diesem Pandämonium ziemlich kaputter Seelen. Nirgendwo gibt es Gefühle echter Geborgenheit, detektivische Dämonen schleichen sich ein in die verzweifelt hingebungswilligen Psychen der Gepeinigten. Liebe ist Simulation, und Freiheit ist nirgends, die Kälte der Welt regelt grob das Thermometer, beschädigte Seelen mit irre lächelndem Witz geben sich ein verpatztes Stelldichein. Durch Mahers Universum stolpern kompakte Einsamkeiten. Ironisch wird «Eine bessere Welt» beschworen und illusionslos immerzu abgewinkt. «Es war zu spät, um meine Niederlagen zu zählen», heisst es in «Popcorn». Man fragt sich nur, woher in diesen Prosafetzen das merkwürdige dunkle Leuchten kommt. Eine rätselhafte versteckte Lichtquelle erhellt noch die schwärzesten Abgründe. Vielleicht ist es schlicht die Poesie. Im abschliessenden lyrischen Monolog «Ich bin Hunter's Point» spricht der schwarze Slum am Rande von San Francisco, wo Maher seine alles andere als unversehrte weisse Kindheit verbrachte, in hinreissender IchForm von Gewalt und Schrecken und einer irrlichternden Schönheit. «Ich hatte keine Tränen mehr, also starrte ich nur in mein Leben, bis es verschwand. » Man kann nur hoffen, dass noch weitere Bücher dieses inspirierten Schwarzsehers auf Deutsch folgen werden.

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