Lesung aus einem unveröffentlichten Tagebuch:
Freitag, 7. November, 20:00 im LAIKA, Emser Straße 131, 12051 Berlin
Pankraz G. ist 25 Jahre alt und Flötist in einer Kapelle, die für die anderen Soldaten spielt. Bisher bliebt er so weitgehend vom Frontleben verschont; aber Anfang 1918 geht es auch für ihn wieder an die Front, um Krankenträgerdienste zu leisten und direkt an der Front Musik zu machen.
Pankraz ist ein sensibler, nachdenklicher, melancholischer und unsicherer Bücherwurm, kleingewachsen, mit Brille und schütterem Haar.
Der Text stammt aus einer bisher unveröffentlichten Handschrift aus meiner Sammlung. Zur Lesung werden über einen Beamer verschiedene Bilder gezeigt.
Eintritt ist frei; ein Hut geht rum.
Drei Zitate:
La Bouteille, 25. I. 18: Wer leidet am Weibe tiefer und schmerzlicher als ich, wessen Verehrung und Bewunderung ist aufrichtiger, wessen Leidenschaft und Liebe ist mächtiger, ernster, wer ist mehr Kavalier als ich? Und doch: Wer hat weniger Glück beim Weibe als ich? Wie gemein denken und reden andere über das Weib; und doch, wie werfen sich die Weiber ihnen an den Hals!
Toulis, 19. Februar 18: Bei schönem Wetter die größere Hälfte des Weges an die Front zurückgelegt. Während dem Marsche sogar mein Büchlein hervorgezogen und einiges gelesen. Mich hierdurch lächerlich gemacht. Major von Kuepach sagt: "Der liest auf dem Marsche; lassen Sie sich nicht stören!" Mir könnte manchmal bei dieser Vielleserei bange werden; mag mir aber im Felde bei diesen Entbehrungen dieses Vergnügen nicht versagen. Bücher sind für mich ein Anregungsmittel, wie für den Orientalen Opium. ‒
21. Mai 18: Gestern Abend in der Korpsschlächterei gespielt. Während letzter Piece, dem Dreimäderlhaus-Potpourri, plötzlich schwere Granateinschläge nahe der Schlächterei. Unruhe. Schrecken. So kann einen der Tod beim Musizieren ereilen! Die Flöte fliegt dahin und der Kopf dorthin! Weiter gespielt. Im Fortissimo hört man das Sausen der Granaten nicht so; also Fortissimo!