Herausgeberin Anke Heimberg und Verlegerin Britta Jürgs stellen Gedichte und Geschichten über junge Frauen der Zwanziger Jahre aus dem Buch »Mädchenhimmel!« von Lili Grün vor.
LESEPROBE:
Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung
Sie schmeckt mir nicht, die so geliebte Morgenzigarette –
Ach, wenn ich bloß 'ne andre Sorte hätte;
Natürlich, ausgerechnet so ein starkes Kraut,
Und überhaupt – ich will nach Haus
In mein Bett!
Und mich ausstrecken
Unter gewohnten, geliebten, vertrauten Decken,
Und ich will meine Zahnbürste
Und meine Badewanne
Und meine eigene praktische Kaffeekanne,
Nicht dieses fremde, scheußliche Ding
Mit diesem ausgefallenen Muster,
Ausgerechnet 'ne Blume und ein Schmetterling,
Einfach verrückt!
Was hat denn der Junge da nur für Manieren?
Du lieber Himmel, so kann man sich irren?
Gestern abend war er doch wirklich scharmant,
Und heut ist er öd, scheußlich und unbekannt.
Ob denn das wirklich alles nötig ist –?!
Ach, das kommt nur daher,
Daß man immer wieder in Romanen liest,
Daß es so was wie Abenteuer gibt.
Und jetzt in die Lackschuh' hinein,
Die tun doch weh, sind eng und brennen,
Und überhaupt – ich mag nach Haus
In mein Bett und flennen!
Ich bin so verknautscht.
Ach ja, mein Liebling,
Am besten ist's, du rufst mal an
Und kommst dann auf ganz gemütlich zu mir.
Oliva drei drei null vier,
Wo hab' ich denn bloß die Telephonnummer her?
Ist das nicht die von Hedi Stehr?
Ach was, der Junge macht sowieso keinen Gebrauch davon,
Wenn der anruft, laß' ich mich hängen,
Und überhaupt – wir wollen diese Nacht lieber verdrängen!
Aus: Lili Grün: Mädchenhimmel!
Gedichte und Geschichte. Gesammelt, herausgegeben,
kommentiert u. m. Nachwort v. Anke Heimberg. © AvivA Verlag, 2014 Abdruck in: »Berliner Tageblatt/ Morgen-Ausgabe«, 06.06.1931.