Buchvorstellung & Gespräch mit Norman Ohler & Vincent Platini
Moderation: Prof. Dr. Margarete Zimmermann
Norman Ohler, "Der totale Rausch", Kiepenheuer und Witsch, 2015
Über Drogen im Dritten Reich ist bislang wenig bekannt. Norman Ohler geht den Tätern von damals buchstäblich unter die Haut und schaut direkt in ihre Blutbahnen hinein. Arisch rein ging es darin nicht zu, sondern chemisch deutsch – und ziemlich toxisch. Wo die Ideologie für Fanatismus und »Endsieg« nicht mehr ausreichte, wurde hemmungslos nachgeholfen, während man offiziell eine strikte Politik der »Rauschgiftbekämpfung« betrieb. Als Deutschland 1940 Frankreich überfiel, standen die Soldaten der Wehrmacht unter 35 Millionen Dosierungen Pervitin. Das Präparat – heute als Crystal Meth bekannt – war damals in jeder Apotheke erhältlich, machte den Blitzkrieg erst möglich und wurde zur Volksdroge im NS-Staat.
2015 ist nach fünfjähriger Recherche Ohlers erstes Sachbuch »Der totale Rausch« über die bisher kaum aufgearbeitete Rolle von Drogen im Dritten Reich erschienen. Für Der totale Rausch recherchierte er fünf Jahre lang in Archiven in Deutschland und den USA und wertete zahlreiche Originalmaterialien aus, die der Forschung entgangen waren.
Vincent Platini, "Lire, résister, s’évader" (la Découverte, 2014), "Krimi, anthologie de récits policiers sous le Troisième Reich" (Anacharsis, 2014)
Gegen alle landläufigen Vorstellungen hat man sich während des NS-Regimes durchaus amüsiert. Während Deutschland auf der einen Seite immer mehr im Blutvergießen versank, verzeichnete die Vergnügungskultur Zuwächse, und der Krieg verstärkte sogar noch diese Inflation der Lustbarkeiten; das Lachen übertönte die Schreie der Opfer. Das Dritte Reich war in der Tat eine Konsumgesellschaft wie andere auch und träumte von denselben Amüsements wie die Vereinigten Staaten. Freizeitbeschäftigungen trugen dazu bei, die Unterdrückung erträglicher zu machen und erlaubten zugleich, faschistische Normen in humorvoller ‚Verpackung’, durchzusetzen.