meine aufrichtige Empfehlung:
das Straßen- und Grünflächenamt bietet am Samstag, dem 30. August 2014 ab 14:00 Uhr eine ca. zweistündige Führung mit Helmut Krauß auf dem 90 Jahre alten Waldfriedhof Heerstraße, Trakehner Allee 1, 14053 Berlin, an.
Schwerpunkte sind, neben vielen anderen Prominenten, Musiker und Sänger auf dem Waldfriedhof. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht notwendig.
(Quelle: Internetseite)
Ich habe im vergangenen Jahr teilgenommen und war total begeistert!
Meine Reportage:
der liegt auch bei uns
http://www.qype.com/place/194721-Waldfriedhof-Heerstrasse-Berlin
http://www.in-berlin-brandenburg.com/Sehenswuerdigkeiten/Friedhoefe/Friedhof-Heerstrasse.html
Der leitende Beamte dieser Friedhofsverwaltung mit darstellerischem Talent dürfte ein echtes Unikum seiner spröden Administrationszunft sein. Helmut Krauß herrscht über die Toten von Westend und verspricht vor seinem sentimentalen Spaziergang durch sein ziemlich ausgestorbenes Reich, dass dies keine reine Promi-Führung werde. Viel Stolz schwingt in seinen Ausführungen, wenn er der heutigen achtköpfigen Interessensschar erläutert, dass aus seinen Friedhofshähnen Trink- als Gießwasser käme. Gut, wir sind ja auch in Westend, da darf man sowas einfach erwarten. Anfangs leitet uns Herr Krauß an ein Familiengrab, wo sich makaberer Weise ein noch ziemlich lebendiger Gynäkologe namentlich hat drauf verewigen lassen. Ein beruflich entschuldbarer Hang zur Prophylaxe oder einfach nur ein Mangel an Vertrauen gegenüber der Berliner Verwaltung? Er weist uns auf außergewöhnliche Grabsteine hin, wie die geteilte Mauer, die die gespaltene Persönlichkeit des Verstobenen zwischen der Anziehungskraft zweier Frauen darstelle. Den nächsten Halt legt Herr Krauß an den Urnengemeinschaftsgräbern ein, es als schlichten grünen Rasen zu bezeichnen wäre vielleicht nicht völlig verkehrt, wo sie anonym bestatteten. Ausbettungen seien möglich, wenn es sich die Witwe hinterher noch mal anders überlege. Überhaupt glänzt Herr Krauß mit Sarkasmus, mit einer ansteckenden Begeisterung für sein Tun und mit Sachkompetenz, die er stets derart unterhaltsam in Anekdoten zu kleiden versteht, dass jeder Teilnehmer ihm wie gefesselt zuhört. Bundesverdienstkreuzträger und stinknormale Menschen lägen unter dieser grünen Wiese, denn heutzutage wären achtzig Prozent Urnenbestattungen. „200 Berliner gehen ins Wasser", womit man uns dankenswerter Weise auch über weniger populäre Bestattungsformen aufgeklärt. „Die amtliche Verwesungszeit beträgt zwanzig Jahre", danach zieht ein neuer Bewohner des Erdreichs einfach obendrauf. Jeder Friedhof habe kleinere Probleme mit Kleintieren wie Mäusen, sie aber hätten mal größere Probleme mit einer Wildschweinfamilie gehabt. Und Herr Krauß verpackt die Geschichte natürlich wieder in eine amüsante Anekdote, die nur dieses eine Mal tierisch tödlich endet. Und es ist wirklich erstaunlich, welch zahlreich kreative Grabgestaltungen es zu bewundern gibt: die jüdische Ullstein-Familie schmückt sich mit einem Bildhauer der Nationalsozialisten, ein Familientherapeut mit einem Gesprächskreis aus drei Stühlen, wobei auf einem Stuhl sein Name prangt, während die anderen noch unbenannt sind. Wofür könnte dies sinnbildlich stehen? Therapeut tot, Patienten leben noch? Es lägen viele freiwillig aus dem Leben Geschiedene auf diesem Friedhof im gutbetuchten Westend, was Herr Krauß mit der These zu erklären versucht, dass Geld alleine wohl nicht glücklich zu machen scheine. Als Argument für die Lebensbejahung der Westender bringt er dann jedoch sofort als Gegenargument, dass nirgends in ganz Berlin die Bypass-Dichte höher sei als in diesen Stadtteil Berlins. Mit ernster Miene fragt er rhetorisch in die sommerlich aufgeheizte Luft, die durch den dichten Baumbestand angenehm abgekühlt wird: „wer macht sich zu Lebzeiten schon Gedanken über seine Entsorgung?" Kaum hat er's ausgesprochen, bombardiert er uns mit lebendigst geschilderten Erlebnisses aus seinem Verwaltungsalltag, wo sich Angehörige oder die Baldtoten höchstselbst über den Komfort der anvisierten Grabstelle bei ihm informierten. Es gibt da Unterschiede. Wo sonst in Berlin gibt's das „Grab am See"? Am Sausuhlensee, der sich aus dem Regenwasser der Umgebung, sogar des Olympiastadions speist. Das Grab am See gibt's in Westend übrigens ohne Aufpreis. Die zahlreichen Prominenten aufzuzählen, die hier liegen, hieße dem Leser dieser Zeilen beim Blick auf den vorzüglichen Wikipedia-Eintrag zum Friedhof die Freude zu verderben. Da lohnt es nämlich mehr über das ungewöhnliche Graffiti an einem Stromkasten zu berichten, auf dem sich ein stadtbekannter Sprayer verewigte. Der sprüht nicht mehr, zumindest wenn man seiner Inschrift Glauben schenkt. „Sind Sie alle geländegängig? Dann kürzen wir hier mal ab!" Das terrassenförmig angelegte, steile Areal ist für die zumeist ältere Trauergeneration nicht ohne Anstrengungen zu begehen. Am liebsten verwendet Herr Krauß eine Formulierung, die er stets mit einem gewissen Stolz in der Stimme und einen merklich Volumen aufnehmendem Brustumfang ausspricht: „der liegt auch bei uns." Ullrich Roski, der bräsige Liedermacher, liegt neben Eff Jott Krüger, dem Bassisten von Ideal, einer vor Ewigkeiten schwer angesagten Band der Neuen Deutschen Welle. Ob die sich unterirdisch so gut verstehen? Natürlich darf bei so einer Friedhofsführung das Grab von Vicco von Bülow nicht fehlen. Es ist gesäumt mit gelben Quietsche-Entchen. Die bestehen aus Plastik. Und Plastik wäre streng genommen laut Friedhofsverordnung eigentlich verboten. Die schicke Bepflanzung auf Loriots Grab hielt die erste Zeit nicht den Fußtritten der Fans stand, die unbedingt ihr Entchen ablegen musste. Der letzte Gang führt uns in die Kapelle. „Warten Sie hier. Ich mach nur eben die Musik an. Das ist beim letzten Mal gut angekommen", nimmt Herr Krauss einen Seiteneingang, um dann das Hauptportal zum Eintreten zu öffnen. Sehr sehenswert restauriert. Eine profunde Führung auf dem Waldfriedhof Heerstraße, mit der man uns fast die Angst vor dem eigenen Tod zu nehmen verstand. Hier liegt sich's gut.