BEGIN:VCALENDAR
VERSION:2.0
PRODID:-//Gratis in Berlin//Event Calendar//DE
CALSCALE:GREGORIAN
METHOD:PUBLISH
BEGIN:VEVENT
UID:event-2021700@gratis-in-berlin.de
DTSTAMP:20260701T000000Z
DTSTART:20150728T200000
DTEND:20150728T210000
SUMMARY:Tagebuch-Lesung: Wandervogel in Österreich 1919/20 und Ehemann in Berlin 1940 - eine zweigeteilte Tagebuchlesung
DESCRIPTION:Tagebuch-Lesung (Premiere). Seit 2008 veranstalte ich Tagebuch-Lesungen. Textgrundlage sind immer originale\, unveröffentlichte Tagebücher aus meiner Sammlung. Ort: LAIKA\, Emser Str. 131 (S+U Neukölln).Zeit: Dienstag\, 28. Juli 2015\, 20 Uhr.Eintritt: Hutspende am Ende. Sepp Fürstenau aus Leoben-Donawitz in der Steiermark ist beim Wandervogel aktiv. Mit 17 Jahren gründet er 1919 einen eigenen Verein\, genannt erst "Treuvolk"\, dann "Sturmvolk\, Jugendbund für deutsches Volkswandern" (dieser war vegetarisch und alkoholfrei). Sein Tagebuch "Die Geschichte einer Jugend" ist poetisch geschrieben\, voll Idealismus\, Suche nach Liebe und einem pathetisch inszenierten Anders- und Einsamsein. Es ist ein Loblied auf die Jugend\, die Freiheit\, die Reinheit\, die Liebe (oder der Sehnsucht nach einem unerreichbaren Idealbild) - aber auch eine Verherrlichung des Deutschseins\, der Kraft und Gesundheit (wie es in dieser Zeit im Wandervogel üblich war). Zwanzig Jahre später lebt er in Berlin\, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Ehefrau Agnes schreibt auch Tagebuch - und wir hören aus diesem Tagebuch\, wie sich Sepp verändert hat: Sind ihm seine Ideale geblieben? Hat er zu lieben gelernt? Kann er mit seiner Ehefrau ohne Anwalt kommunizieren? Es sei nicht zu viel verraten\, wenn man dies alles mit "nein" beantwortet. Auszug (1920): "Mag sein. Man hat mir gesagt\, daß ein junger Mensch nicht lieben dürfe\, bevor er Erfüllung gefunden\, die Eine\, Feine\, die große\, herrliche Königin der Seele. Mag sein. Aber ob das für alle gilt? In mir schäumte der gärende Most\, das treibende\, wallende junge Leben. Und ich habe geliebt. Friedl liebte ich aus ganzem Herzen viele Monde. Bin ihr treu gewesen\, bin rein geblieben\, glaubte\, sie sei mein großes\, endliches Glück. Glaubte und wußte nicht. Und nun weiß ich. Weder sie noch ich\, wir beide können einander nicht restlos erfüllen. Ich habe zu wenig Sonne\, warme\, ruhige\, strahlende Sonne für sie\, bin zu unruhig\, zu stürmend\, kann nicht gütig sein. Sie hat zuviel heißes Leben\, zuviel sinnliches Verlangen. ‒ Friedl hat ihren blonden Liebsten gefunden\, der in bebender Sorgfalt um sie ist. ‒ ‒ ‒ ‒ Vor Tagen\, vor Wochen\, ist Elsi in meinen Weg getreten\, Elsi Mauermann. Eine Deutsche\, jung\, schlank\, groß\, aus sehr gutem Haus. Sie ist ein wenig hochmütig\, doch das gefällt mir\; sie malt sehr gut. Vom ersten Augenblick an liebte ich sie. Als Friedl ging dachte ich\, es sei leergebrannt in mir\, still\, müde. Nun erkenne ich\, daß ich unendlich reifer bin\, daß ich Liebe schenken kann\, soviel! Goldene\, herzwarme\, lichte\, glühende Liebe. Ob ich je einer von denen werde\, die nur sinnliches Verlangen haben\, Lüsternheit kennen? Die keine Liebe mehr verschenken können\, weil sie leergebrannt? Oder ob ich immer werde schenken können\, nie auf Dank zählend? Elsi\, wenn ich von dir träume\, so gehen lichte\, blonde Engel\, hochgewachsen und fein\, vor mir. Und zu unendlich süßen Melodien tanzen sie im Raume." Auszug (1940): "14.7. Sonntag. Heute gab es eine Verstimmung. Und zwar wollte Sepp mit mir nach Rangsdorf fahren\, ich sollte mir dazu ein Stirnband umbinden. Ich tat es ungerne\, weil mir diese Art nicht gefällt\, tat es aber trotzdem. Sepp war heute in eigenartig quenglicher Laune\, ein Wort hab das andere. Schließlich sagte er: "Die deutsche Frau ist nichts als eine Gebärmaschine\, sonst sind sie dumme Puten." Darauf war ich still (es war am Weg zum Anhalter). Während wir den Anhalter Stadtbahnhof runtergingen\, fragte er\, was ich hätte jetzt. Ich antworte: "Die deutsche Frau usw." ‒ Das hätte mir genügt! Erst versuchte er abzustreiten\, dann aber gab ich dem Gespräch eine andere Wendung\, um den schönen Sonntag nicht zu verderben. Aber wir blieben einsilbig\, noch lange im Bad draußen wurde mehr geschwiegen als geredet."
URL:www.laika-neukoelln.de
STATUS:CONFIRMED
SEQUENCE:0
END:VEVENT
END:VCALENDAR
