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SUMMARY:Tagebuch-Lesung (PREMIERE): 2. Teil des Kriegstagebuchs des Pankraz G.\, Frankreich 1916
DESCRIPTION:Premiere! Lesung aus einem unveröffentlichten Tagebuch aus dem 1. Weltkrieg (Teil 2 von 4).Fr.\, 5. September 2014\, 20 Uhr im LAIKA\, Emser Str. 131 (S+U Neukölln).Auszüge siehe unten!Pankraz G. ist 23 Jahre alt und seit über einem Jahr Soldat im 1. Weltkrieg. Ende 1915 tritt er in eine Regimentskapelle bei Lille in Nordfrankreich ein\, in der er Flöte bläst\; so ist er vorerst vom Frontleben befreit.Pankraz ist ein sehr sensibler\, nachdenklicher\, melancholischer und unsicherer Bücherwurm\, der lieber als Mädchen geboren worden wäre. Er hasst alles Militärische\, auch wenn ihn ab und an der Wunsch überkommt\, die Hölle der Schlacht noch einmal hautnah zu erleben.Er schreibt über den Krieg\, über Liebe und Frauen\, die Schönheit von Blumen\, den Sinn des Lebens\, viel über Literatur und Musik. Auch etwas von seinen Kindheitserinnerungen schreibt er auf\; alles wunderschön formuliert\, während um ihn das Donnern der Kanonen an der Front seine tägliche Geräuschkulisse ist.In dieser Lesung wird der 2. Teil seiner Kriegs-Tagebücher präsentiert (Januar-November 1916). Die ganze Zeit über ist er in der Kapelle tätig\, die für die anderen Soldaten Musik macht.Es werden noch zwei weitere Teile folgen\, in denen er auch wieder an die Front muss (3. Teil: 2. Oktober 2014 / 4. Teil: 7. November 2014)\, jeweils im LAIKA.Einige Auszüge:16. Februar 16: Meine Gedanken waren bei meinen Büchern. Die moderne Literatur hat es mir angetan. Sie begeistert mich und macht mich dennoch "kühl bis ans Herz hinan". Über den toten Punkt\, auf dem ich mit meiner Philosophie seit Jahren angelangt bin\, brachte mich bis heute kein Buch hinaus. Es gibt keinen Gott\, es gibt keine unsterbliche Seele und keinen freien Willen. Alles\, alles ist Zufall\, ist zwecklos und ohne jede höhere Bestimmung. Davon bin ich fest überzeugt. Alles Streben und Mühen\, alles Suchen der Menschen nach Wahrheit und Schönheit ist Selbstkultus und zielt letzten Endes nur darauf hin\, jenes Gefühl der Unlust\, den Schmerz aus dem menschlichen Leben zu vertreiben. Allein wird sich dies erreichen lassen? Ist nicht jener Wechsel zwischen Sonnenschein und Regen unabänderliches Naturgesetz? Philosophische Ratlosigkeit. Sehe ein\, dass die Ideen\, konsequent durchgeführt\, Nihilismus bedeuten. Man würde verkommen\, umkommen.Santes\, 8. April 16: Wir Musiker haben uns fotografieren lassen. Ich bin gut getroffen. Ich sehe aus wie ein Mädchen\, wie ein Vögelchen\, drückte sich Dorfhuber aus\, und Wagner nennt mich seine Frau\; damit sagten sie mir aber nichts Neues. Das ist für mich ein altes Lied. In Berlin ist es mir passiert\, dass sich Gäste eines Cafés\, in dem ich spielte\, bei meinem Kapellmeister (Rivelli) erkundigten\, ob der Flötist eine verkleidete Dame sei? Ein andermal sprach mich eine Frau auf der Treppe mit "Fräulein" an. Wenn ich in meinen Kindheitserinnerungen herumkrame ‒ was ich sehr oft tue ‒ dann sehe ich mich mit meinen Schulkameraden im Diskurs über die Frage "Was ist schöner\, Bub' sein oder Mädel?" ‒ "Bub' sein"\, höre ich mich eilig beteuern\; höre aber auch heute noch das Raunen jener inneren Stimme\, die da sprach: "Gelogen."Santes\, 8. August 16 (im Schreibsaal): Als ich wieder ins Feld ging\, fasste ich den festen Vorsatz\, in Zukunft männlicher aufzutreten und keinerlei Demütigungen mehr zu ertragen. Alles unwürdige\, weibische wollte ich von mir schütteln\; ich wollte nichts mehr tun oder denken\, dessen ich mich vor Marie hätte schämen müssen. Ist es aber nicht weibisch\, ein Tagebuch zu führen? ‒4. September 16: Es herbstelt bereits stark\; nasskaltes Wetter\, man könnte schon ein geheiztes Zimmer vertragen. Las zwei Novellen von dem russischen Dichter Dostojewski. Die furchtbaren Schicksale dieses Dichters\, die Leiden und Demütigungen\, die er ausgestanden\, sind mir ein Trost und Ansporn\, die seelischen und körperlichen Qualen\, die dieser Krieg mir noch auferlegen wird\, zu ertragen. Ich denke mir\, auch ich wäre zu mehrjähriger Zwangsarbeit verurteilt und müsste meine Strafzeit hier in Flandern abdienen. Einmal muss doch Friede werden\, einmal muss sich doch mein Kerker auftun! ‒29. September 16: Heute Abend übte ich ein paar Töne auf dem Friedhof. Pflückte dort zwei Herbstzeitlosen und legte sie in mein Buch. Die Herbstzeitlose ist meine Lieblingsblume. Ihr einsames Blühen im Herbste\, ihre schwermütige\, fremdartige Schönheit ‒ das zarte Violett ihres Kelches deute ich als ein Symbol des Schmerzes. Dass sie giftig ist\, vermag mich in meiner Liebe nicht irrezumachen. Was kann sie dafür?
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